Eine Begegnung der besonderen
Art: Momo (Nina Sarita Müller) und der Chef der grauen Herren (Frank
Deesz). Foto: Roessler/LN
Lübeck
- Ein kleines Mädchen auf der Suche nach der gestohlenen Zeit: "Momo" nach
Michael Endes Roman wurde als Weihnachtsmärchen am Theater Lübeck vom
jungen Publikum bejubelt.
Michael Endes Roman um Momo und die
Zeitdiebe hat philosophische (und volkswirtschaftliche) Dimensionen. Es
geht nicht nur um den Wert der Zeit, es geht auch um das Wesen der Zeit,
um ihren Schwund und um die Subjektivität des Zeit-Erlebens. Ende selbst
wollte sein Buch als literarische Umsetzung geldpolitischer Theorien von
Silvio Gesell* und Rudolf Steiner verstanden wissen - wie macht man aus
diesem Stoff ein theaterkompatibles Weihnachtsmärchen? Eigentlich ganz
einfach: Man muss den ganzen philosophischen Überbau weglassen und eine
Geschichte erzählen, die Geschichte von Momo, die viel Zeit hat, und ihren
Freunden, die plötzlich keine Zeit mehr haben, auch nicht für sie. Genau
das hat Regisseur Dominik Günther, der auch den Text geschrieben hat,
versucht, und es ist ihm weitgehend gelungen.
"Momo" am Theater
Lübeck ist fast durchgehend pralles, sinnenfrohes Kindertheater, voller
Fantasie und mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Rein handwerklich hat
die Regiearbeit jedoch noch einige Mängel. Man kann Kinder viel besser mit
einem geschlossenen Vorhang für das Geheimnis Theater interessieren als
mit einem beginn der Handlung auf offener Bühne, auf der eine Figur nach
der anderen auftaucht. Vor der Pause gibt es außerdem einigen Leerlauf in
der Inszenierung, hier kann Dominik Günther durchaus noch straffen - und
damit sind wir beim Problem der Zeit.
Der Regisseur und Autor
macht ein wirkliches Märchen aus Endes "Momo". die grauen Herner sind
wirklich nur böse, Momo ist wirklich nur gut - es gibt nur schwarz und
weiß, und das ist richtig so. Auf diese Weise ist der eigentlich
komplizierte Sachverhalt auch für kleinere Kinder nachzuvollziehen. Alles
ist in Ordnung, bis schließlich die grauen Herren die Erwachsenen
überreden, ihnen ihre überschüssige Zeit zu übereignen. Dann haben die
Erwachsenen plötzlich keine Zeit mehr, auch die Kinder lernen den
Termindruck kennen: In diesem Punkt ist das Theater schon fast wie das
richtige Leben.
Zu einer kindgerechten Aufarbeitung gehört aber
auch, den Zauberfaktor nicht zu klein zu halten. Wenn Momo am Anfang mit
ihren Freunden "Schiff im Sturm auf hoher See" spielt, dann erscheint
prompt ein riesiges Seeungeheuer, das in wildem Kampf besiegt werden muss
(Ausstattung: Heike Vollmer). Immer wieder nebelt Günther die Bühne ein -
auch das erhöht den Zauberfaktor. Und die grauen Herren haben genau den
richtigen Grusel-Faktor, sie sind optisch irgendwo zwischen übernächtigtem
Banker und korrekt gekleidetem Außerirdischen angesiedelt mit
geheimnisvoll blau leuchtender Identifikationsnummer um den Hals.
Es gibt viele solcher gelungener Details in dieser Inszenierung.
Die Schildkröte Kassiopeia, entworfen und gebaut von Bastian Orth, ist
allerliebst anzuschauen. Die Musik von Fritz Feger passt sich wunderbar in
die Geschichte ein, in der "normalen" Zeit singt Gigi Liebeslieder, als
"Zeit-Sparer" macht er Techno-Lärm. Das allergrößte Pfund, mit dem diese
Lübecker "Momo"-Inszenierung wuchern kann, ist die Hauptdarstellerin Nina
Sarita Müller. Sie wirbelt mit Schwung und Elan über die Bühne, wirkt in
Freud und Leid überzeugend: Eine tolle Momo, die ihrem Film-Vorbild zwar
ähnelt, es aber nicht kopiert. Nina Sarita Müller ist eine echte
Identifikationsfigur für das junge Publikum - auch davon lebt
Kindertheater. Sänger Gigi wird von Sascha Rotermund ebenfalls glaubwürdig
vertreten, Michael von Rospatt versieht in seiner Doppelrolle als
Straßenkehrer Beppo und als Meister Hora zuverlässig den Großvater-Part in
dieser Inszenierung. Große Ausstrahlung hat auch Frank Deesz als Chef der
grauen Herren: Ein furchterregender Zeit-Dieb.
Die Kinder im
Großen Haus waren am Ende begeistert und jubelten ihrer Heldin zu - der
Lohn für eine Inszenierung, deren Schwachpunkte noch auszubügeln sind.
Nächste Vorstellungen am 22, 23. und 24. November (jeweils 10
Uhr), weitere Vorstellungen bis zum 25. Dezember.